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Mountainbike-Pionier Uli Stanciu und seine Erfahrungen mit dem E-MTB

Uli Stanciu ist eine Mountainbike-Legende. Der Buchautor, Herausgeber, Festivalorganisator und Transalp-Erfinder hat die europäische Mountainbike-Szene entscheidend geprägt. Als Journalist ist er von Natur aus neugierig und offen für neue Trends. Auch die Entwicklung der E-Mountainbikes hat er von Beginn an intensiv verfolgt. Wir sprachen mit Uli Stanciu über seine persönlichen Erfahrungen mit E-MTBs und wollten herausfinden, warum er sich heute kaum noch auf ein Mountainbike ohne elektronische Unterstützung setzt.

Wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Thema E-MTB in Berührung gekommen?

Uli Stanciu: Das erste Mal von einem E-Bike gehört hatte ich schon im Jahr 2002, als ich Kurt Schär, den Gründer von Flyer, kennenlernte. Er erklärte mir das Grundprinzip. Damals nahm ich das Thema noch nicht wirklich ernst. Es gab ja auch noch kein echtes E-Mountainbike, sondern nur diese Oma-Fahrräder, von denen ich auf der Eurobike mal einige ausprobiert hatte. Ich habe Kurt dann gesagt, dass ich ein E-Bike erst dann akzeptieren würde, wenn es ein sportliches E-Mountainbike gäbe, was anderes käme für mich gar nicht in Frage. Kurt hat mich dann 2010 informiert, dass Flyer zur Eurobike 2010 ein erstes voll gefedertes E-Mountainbike vorstellen würde. Das wollte ich sofort auf einer wirklich harten Tour ausprobieren und eine komplette Transalp damit fahren – als Erster, als Pionier. Kurt war einverstanden und übergab mir auf der Eurobike 2010 ein Testbike. Eine Woche später fuhr ich mit meinem Freund Jürgen Renner los. Ich mit dem Flyer und er mit einem Centurion-Prototyp mit Clean-Mobile-Motor.

Was waren Ihre Erwartungen als Mountainbike-Pionier vor der ersten Fahrt mit einem E-MTB?

Ich war weder skeptisch noch hatte ich Vorurteile. Als Journalist war ich einfach neugierig. Es gehört meines Erachtens zu unserem Berufsstand dazu, dass man alles Neue an sich herankommen lässt, es ausprobiert und sich erst danach ein Urteil bildet. Meine Erwartungen wurden dann sogar übertroffen, und ich schrieb über diese erste E-Bike Transalp einen Text für mein Transalp-Buch. Der begann euphorisch: „Schon der erste Antritt verleiht der Seele Flügel. Wir scheinen bergauf zu fliegen. Es ist berauschend – doppelte Geschwindigkeit mit gleicher Kraft. Nicht dass man nicht schwitzen würde, aber man fährt einfach deutlich schneller. Sogar bergauf kühlt der Fahrtwind.“ Und die beiden E-Bikes der ersten Transalp hielten durch – ohne jeden Schaden.

Das war also ein durchweg positives Erlebnis?

Ja, mir wurde sofort klar, dass das ein großer Trend fürs Mountainbiken werden würde. Man muss sich doch nur die großen Trends der Menschheit anschauen. Alles strebt immer nach mehr Komfort, mehr Speed, mehr Spaß. Und das alles lieferte das E-Bike. Ganz wichtig war auch die Erkenntnis, dass das E-Bike mehr Freiheit bringen würde – Freiheit der Entscheidung. Mit dem Muskelbike muss man steil bergauf an seine Leistungsgrenze gehen oder absteigen und schieben – ein Gefühl der Niederlage. Mit dem E-Bike kann man den Grad der Anstrengung einstellen. Man kann entscheiden, sich anzustrengen, kann es aber auch lassen.

Gab es bei Ihnen ein Umdenken vom „puristischen Mountainbiken“ hin zum Biken mit elektronischer Motorunterstützung? 

Anfangs hatte ich schon manchmal ein schlechtes Gewissen, als einer der Väter des Mountainbikes in Europa jetzt plötzlich mit elektrischer Unterstützung zu fahren – Stichwort: E-Doping. Zumal auch meine Freunde und mein Umfeld unverhohlen Skepsis zeigten: „Was Uli, so alt bist du schon?“ Aber das berührte mich nicht wirklich. Nach 25 Jahren Mountainbiken und mehr als 50 Transalps auf dem normalen Bike stand ich irgendwie über den Dingen. In meiner Garage standen einige Muskelbikes und eben das E-Bike. Und ich erwischte mich immer öfter dabei, dass meine Entscheidung auf das E-Bike fiel. Es gab mehr Freiheit, mehr Speed bergauf, man hatte mehr Möglichkeiten, und es machte vor allem mehr Spaß.

Wie sehen Sie die Akzeptanz des E-MTB bei den klassischen Mountainbikern?

Die Akzeptanz des E-MTB ist inzwischen viel größer geworden. Ja, es gibt noch Skepsis, weil manche sich damit als wenig trainiert oder alt abgestempelt sehen. Aber das ist ja gar nicht der Fall. Nochmal: Man kann sich genauso anstrengen wie mit dem Muskelbike. Außerdem fällt das Argument, dass jetzt irgendwelche untrainierten Anfänger unsere Trails verstopfen, völlig weg. Eine Umfrage in unserem E-MTB Magazin hat ergeben, dass die E-Mountainbiker zwar älter sind als die normalen Biker, dass mehr als 65 Prozent aber vorher mindestens zehn Jahre auf dem normalen Bike gefahren sind und daher ausreichend Erfahrung haben. Außerdem sind inzwischen eine ganze Menge prominente Biker aufs E-MTB umgestiegen, nicht nur Freerider, auch Marathon- und Rennbiker. Wer sich anstrengen will, der muss ja nur auf eine niedrigere Unterstützungsstufe schalten.

Wo sehen Sie das größte Potential für den Einsatz von E-MTBs?

Das liegt zweifellos im Gebirge, bei Touren mit langen Anstiegen. Hier spielt das E-MTB seine Stärken aus: Man kann schneller und steiler bergauf fahren. Man muss sich nicht so sehr verausgaben. Man kann mehr erleben, mehr Spaß haben.

In welchen Bereichen sehen Sie noch den größten Bedarf für Verbesserungen?

Die E-MTBs hätten ein noch viel größeres Potenzial, wenn die Reichweite größer wäre. Das ist das generelle Problem der E-Mobilität heute. E-Autos verkaufen sich noch schlecht, weil man nicht weit genug kommt und das Aufladen zu lange dauert. E-MTBs verkaufen sich inzwischen zwar sehr gut, aber sie könnten noch viel überzeugender sein, wenn man mehr „Reichhöhe“ hätte. Heute schafft ein normalgewichtiger Biker mit einer normalen Batterie irgendwo zwischen 1200 und 1400 Höhenmeter. Die hat man jedoch meist schon nach knapp zwei Stunden abgespult. Und dann? Dann ist doch die Tagestour noch nicht zu Ende. Normal trainierte Biker könnten mit dem E-MTB zwischen 2500 und 3000 Höhenmeter fahren, also viel größere Touren, viel mehr Trails. Das Aufladen dauert jedoch zu lange und oft findet man im Gebirge ja gar keine Steckdose. Wir brauchen also größere, leistungsstärkere Batterien: Mehr Trail – mehr Spaß. So hat man nicht immer die Sorge im Kopf ob man die Tour auch mit der geringen, heutigen Batteriekapazität schafft.

Wem würden Sie den Kauf eines E-MTB empfehlen? Und wem nicht? 

Ehrlich gesagt kann ich mir den Menschen nicht vorstellen, dem ich kein E-MTB empfehlen würde. Alle profitieren davon: Tourenbiker, die mehr sehen, mehr erleben wollen. Freerider und Downhiller, die mehr Trails abreiten und sich die Kosten für die Seilbahn sparen wollen. Menschen, die aus beruflichen oder familiären Gründen wenig Zeit zum Trainieren haben. Partner mit konditionellem Unterschied. Familien, die ihre Kinder im Anhänger mitnehmen möchten. Ältere Leute, die sich fit halten wollen ohne sich zu sehr anzustrengen. Das E-MTB eignet sich für alle Zielgruppen. Und sogar Rennfahrer werden aufs E-MTB umsteigen, wenn die ersten echten E-MTB-Rennen kommen.

Sehen Sie durch die größeren Touren die mit E-MTBs möglich werden einen Bedarf für speziell auf E-Mountainbikes abgestimmte Tourentipps, Bücher und GPS-Tracks?

Eigentlich nicht. Denn mit dem E-MTB kann man alles fahren, was man auch mit dem normalen Bike fahren kann. Bergauf kann man an vielen steilen Steigungen jetzt fahren, weil der Motor hilft. Sollte man doch mal schieben müssen, so nutzt man einfach die Schiebehilfe, mit der man sogar viel leichter schiebt, weil das Bike einen fast hinter sich herzieht. Und bergab ist das höhere Gewicht von Vorteil. Dadurch dass Motor und Batterie unten im Rahmen montiert sind, halten sie den Schwerpunkt tief. Das ergibt bei Steilstufen weniger Überschlagtendenz. Es entwickelt sich ja gerade eine ganz neue, eigene E-MTB-Fahrtechnik.

Dann wird es also von Ihnen kein Buch mit speziellen Touren für E-MTBs geben?

Ich plane gerade ein neues Tourenbuch für den Gardasee. Da sind aber alle Touren für Normalbikes und E-MTBs gleichermaßen beschrieben. Ich mache da keinen Unterschied. Man kann Touren dank E-MTB allerdings jetzt sogar ganz anders planen. Steile Anstiege, die man früher vermieden hätte, lassen sich plötzlich fahren. Deshalb weise ich eher darauf hin, dass bestimmte Touren fürs Normalbike nicht geeignet sind.

Übrigens habe ich schon ein Buch veröffentlicht: Abenteuer Westalpen. Da sind wir die längste und schwerste Transalp gefahren, die man sich vorstellen kann: Vom Genfersee nach Ventimiglia – 800 Kilometer und mehr als 26.000 Höhenmeter. Ein zweifacher Weltmeister auf dem Muskelbike und wir älteren Herrschaften mit den E-Bikes. Am Ende, nach 30 Pässen, waren wir alle Weltmeister – in der neuen Disziplin Mountainbike-Formationsfahren. Auch bei Anstiegen mit mehr als 2000 Höhenmetern waren wir immer gleichzeitig mit dem Weltmeister oben. Das Buch und alle Touren findet man auf www.bike-gps.com

Und im Jahr 2012 bin ich als nach 15 Jahren scheidender Rennleiter mein eigenes Transalp-Rennen mit dem E-Bike mitgefahren – außer Konkurrenz versteht sich. Da konnte ich immer mit den Topstars mithalten, einmal wurde ich Neunter, einmal Zwölfter. Und die Zeit auf die Sieger habe ich nur beim Batteriewechsel verloren. Auch dazu habe ich ein E-Book geschrieben.

Ein Blick in die Zukunft: Welche weiteren Neuerungen, Innovationen und Entwicklungen könnten im Bereich E-MTB-Touring auf uns zukommen?

Da sind erst einmal die technischen Entwicklungen am Bike: Größere Batterien sind das Wichtigste – heute kann man eigentlich keine Transalp mit dem E-MTB fahren, weil die Batteriekapazität für eine Tagesetappe nicht ausreicht. Und eine Ersatzbatterie im Rucksack mitzuführen ist viel zu schwer, weil man ja auch sein Gepäck dabeihat. Man braucht also ein Begleitfahrzeug, was den meisten viel zu teuer und auch nicht Sinn der Sache ist. 

Ich sehe auch stärkere Motoren kommen – für die Power-Fraktion, die noch steiler fahren will. Und ich sehe ganz kleine, leichte Motoren, zum Beispiel für Rennradler. Dann wird es aber auch sicherlich bald besser abgestimmte Software geben, die individuell vom Handy aus einstellbar ist, sowie Displays für mehr Information, Navigationssysteme und eine Vernetzung der Bikes mit dem Smartphone wie bei den Autos. Dank der großen Batterie sind ja dann elektronisch keine Grenzen mehr gesetzt. Und natürlich brauchen wir andere Übersetzungen, stärkere Ketten zur Kraftübertragung ohne Risiko, stärkere Bremsen mit weniger Verschleiß und auch neue Geometrien, die steileres Bergauffahren ermöglichen. Das E-MTB gibt dem Biken wieder einen riesigen Innovationsschub.

 

Transalp-Bücher und GPS-Tracks zu vielen Touren gibt es von Uli Stanciu auf www.bike-gps.com

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