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Sattelentwicklung bei Ergon: Janina Haas über die neuen SM Women Sättel

Janina Haas leitet die Ergonomie Abteilung bei Ergon und hat zusammen mit ihrem Team intensiv an der Entwicklung neuer, frauenspezifischer Sättel gearbeitet. In diesem Interview gibt sie Einblicke in die verschiedenen Schritte des Produktdesigns und verrät, welche Anforderungen es auf dem Weg zum finalen Produkt zu meistern galt.

Wie lange hat die Entwicklung des neuen SM Women Sattel von der ersten Idee bis zum fertigen Serienprodukt gedauert?

Zwei Jahre.

Und wie viele Mitarbeiter waren in den Entwicklungsprozess involviert?

Insgesamt sechs – jeweils zwei Ergon-Spezialisten für Ergonomie, Industriedesign und Engineering. Hinzu kamen unzählige Team- und weitere Testfahrerinnen.

Welche Aufgaben haben die einzelnen Mitarbeiter in den jeweiligen Entwicklungsschritten zu erfüllen?

Für Forschung und Konstruktion waren unsere Experten für Ergonomie, Industriedesign und Engineering zuständig. Zunächst haben wir bei unseren Teamfahrerinnen und bei zahlreichen Hobbyfahrerinnen mit einem umfangreichen Fragebogen den Ist-Zustand ermittelt. Wir wollten zum Beispiel wissen: Welchen aktuellen Sattel nutzen sie, wie zufrieden sind sie damit, und welche Beschwerden treten auf. Wichtige Fragen waren auch, wie oft und wie lange sie Rad fahren und welche Bekleidung sie bevorzugen.

Der nächste Schritt war eine anatomische Grundlagenstudie über das männliche und weibliche Becken unter anderem mittels MRT- und Röntgenbild-Analysen. Anschließend folgten Druckmessungen bei Team- und Hobbyfahrerinnen auf unzähligen Sätteln. Unter Berücksichtigung aller Erkenntnisse und Anforderungen haben wir dann das neue Ergon-Frauensattelkonzept erarbeitet, Prototypen gefertigt und diese getestet.

Mit der Materialrecherche und -abstimmung haben sich die Abteilungen Ergonomie und Engineering befasst. Es wurden verschiedene Varianten unserer Vorserien-Sättel hergestellt und auf diese Weise unterschiedliche Materialien getestet und abgestimmt.

Nachdem die Sattelform aus der CNC-Fräse kommt, werden die Konturen mit der Profilschablone überprüft.

Was sind die besonderen Herausforderungen bei der Entwicklung eines frauenspezifischen Sattels?

Frauen sitzen beim Radfahren auf den sensiblen Strukturen des Genitalbereichs. Dabei werden Weichteilgewebe, Nervenbahnen und Blutgefäße zwischen Sattel und Becken gequetscht. Druck und Reibung führen oft zu Taubheit, Gewebeschwellungen, Reizungen und Entzündungen der Haut, Schmerzen beim Wasserlassen oder einfach nur zu einem unkomfortablem Sitzgefühl.

In anatomischen Studien haben wir herausgefunden, dass der Schambeinwinkel (der Winkel zwischen dem linken und rechten unteren Schambeinast) bei einem typisch weiblichen Becken signifikant größer ist als bei einem typisch männlichen Becken. Somit liegt auch der Schambeinbogen – also der Bereich unterhalb der knorpeligen Verbindung (Symphyse) zwischen dem linken und rechten Schambein - bei Frauen deutlich tiefer als bei Männern. Außerdem kippt bei Frauen auf dem Sattel das Becken stärker nach vorn. Diese Faktoren belasten das Weichteilgewebe im Genitalbereich noch stärker als es durch die anatomisch ungünstige Ausgangsposition ohnehin schon gegeben ist.

 

Und wie wird der neue Ergon Sattel diesen Anforderungen gerecht?

Die Aussparung in der Sattelnase entlastet den sensiblen Bereich unterhalb der tief liegenden Schambeinfuge vollständig. Die Übergänge von dieser Entlastungsöffnung zur Satteloberfläche sind weich, um Druckspitzen direkt neben dem Loch zu vermeiden.

Für den Übergangsbereich ist die V-Form optimal, resultierend aus dem großen Schambeinwinkel bei Frauen. So lenken wir den Druck auf die knöchernen Strukturen und entlasten das sensible Weichteilgewebe. Durch das leicht ansteigende Heck des Sattels lastet der Druck beim Fahren auch auf den hinteren Sitzstrukturen. So hat man als Frau oft das Gefühl, dass die Sitzknochen unbelastet in die Luft stehen.

Druckmessung im Ergon Sattellabor

Wie gelingt es bei der Konstruktion einen guten Kompromiss zwischen geringem Gewicht und komfortabler Polsterung zu finden?

Viele denken: Je dicker der Sattel, desto bequemer. Das ist falsch. A und O eines Sattels ist seine Form, sie muss zu den anatomischen Gegebenheiten passen. Ein Steckenpferd von Ergon sind zudem neue und innovative Materialien. Unser Schaum, der beim SM Women zum Einsatz kommt, ermöglicht zum Beispiel eine besonders gute Tragfähigkeit bei dennoch geringem Gewicht, angenehmer Weichheit und mittlerer Polsterdicke.

Unterscheidet sich ein Frauensattel auch hinsichtlich der Materialwahl von einem Sattel für Männer?

Die Wahl des Materials ist abhängig von der Sattelform, dem Einsatzbereich und auch dem Körpergewicht. Deshalb verwenden wir nicht per se unterschiedliche Materialien bei unseren Männer- und Frauensätteln, sondern eben angepasst an die Anforderungen der jeweiligen Disziplin und an den Nutzer.

Ergon Ergonomie-Expertin Janina Haas

Wie gelingt es einen Sattel zu entwickeln, der durch seine Form für möglichst viele Frauen ergonomisch optimal funktioniert?

Durch eine gute Recherche und eine lange, lange Testphase mit vielen eifrigen Testerinnen – so kommt man schließlich zu einem Sattel-Shape, der die bei Radfahrerinnen am häufigsten auftretenden Probleme behebt und für ein gutes Sitzgefühl sorgt.

Welche allgemeinen Tipps zur Verbesserung des Sitzkomforts können Sie den Bikerinnen und Bikern mit auf den Weg geben?

Die Einstellung des Sattels ist ein wichtiger und sehr zeitintensiver Punkt. Nimm dir ausreichend Zeit, um dein Fahrrad und den Sattel richtig auf dich einzustellen. Oft sind es nur wenige Millimeter der Sattelhöhe und des Sattelversatzes oder nur ein bis zwei Grad bei der Sattelneigung, die deinen Komfort steigern. Hier kann auch die Ergon Fitting Box oder ein professioneller Bikefitter weiterhelfen.

Außerdem spielt die Radhose eine sehr wichtige Rolle. Wir haben es übrigens mit unseren SM Women (insbesondere mit dem Sport Gel Model) geschafft, einen Sattel zu entwickeln, der auch ohne Polsterhose gefahren werden kann. Die Wahl der Radhose ist immer ein schwieriger Punkt. Sie muss zu deinem Sattel, aber natürlich auch zu dir passen - und das kann manchmal die Suche nach der Nadel im Heuhaufen sein.

Weitere ausführliche Infos zu den neuen SM Women Mountainbike-Sätteln gibt es auf der Ergon Website.

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