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Rotwild Chief Engineer Peter Böhm gibt Tipps zum Kauf von Touring-Bikes

Im Interview erläutert ROTWILDs Chef-Entwickler Peter Böhm was ein gutes Tourenrad ausmacht und welche Dinge man beim Kauf eines neuen Touring-Bikes beachten sollte.

Welche spezifischen Anforderungen muss ein gutes Tourenrad erfüllen?

Da sind für mich vor allem drei Aspekte wichtig: Erstens: Hohe Alltags- und Gebrauchstauglichkeit, zweitens: Zuverlässigkeit und als Drittes die Servicefreundlichkeit.

Was bedeutet das in der Praxis?

Eine hohe Alltags- und Gebrauchstauglichkeit erreicht man zum Beispiel mit einem geringen Gesamtgewicht, universellen Reifen für Forst- und Waldwege, robusten Laufräder bestehend aus hochwertigen Naben, Speichen und Felgen für hohe Kilometerleistung, Lichtsystemen und Reflektoren auf Basis der StVZO, Schutzblechen und modularen Ports für die Montage von Anbauteilen wie Ständer, Trägersysteme, Trinkflaschen. Zudem sind eine ausgewogene Sitzposition und individuell angepasste Komponenten wie Sattel und Griffe wichtig.

Und was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter Zuverlässigkeit und Servicefreundlichkeit?

Für ein zuverlässiges Tourenrad ist eine hohe Rahmensteifigkeit und –lebensdauer wichtig. Hochwertige Reifen sorgen für Pannensicherheit und hydraulische Scheibenbremsen für eine verlässliche Bremsanlage. Möglichst wartungsfreie Anbauteile und gedichtete, rostfreie Lagersysteme machen ein Tourenrad besonders servicefreundlich.

Wie gelingt es Ihnen bei der Entwicklung der ROTWILD Touring-Bikes diesen Ansprüchen gerecht zu werden?

Durch unseren ganzheitlichen Entwicklungsansatz und die Auswahl von Rahmen und allen Komponenten auf Basis eines detaillierten Anforderungskatalogs.

Ihre persönlichen Tipps: Worauf sollte ich beim Kauf eines Touring-Bikes besonders achten?

Zunächst gilt es den Händler des Vertrauens zu finden, bei dem man ausgiebig unterschiedliche Tourenräder testen kann. Für eine lange Lebensdauer ist ein sauber verarbeiteter Aluminium Rahmen mit hochwertiger Lackierung und entsprechender Dimensionierung der kritischen Bereiche Steuerrohr/Unterrohr, Tretlager/Kettenstreben und Anbindung Sattelrohr/Oberrohr, wichtig. Welche Anbauteile von Haus aus montiert sein sollen, ist natürlich von den individuellen Vorlieben abhängig. Für mich gehören zu einer Basisausstattung pannensichere hochwertige Laufräder und Reifen, Licht- und Reflektoren, hydraulische Scheibenbremse, ein solides Schutzblech- und Trägersystem, ein stabiler Seitenständer oder optional ein Mittelständer für Kindersitzmontage, eine Federgabel und eine gefederte Sattelstütze. Ferner sollte das Gesamtgewicht des Rades unter 14 Kilogramm liegen.

Welche Rolle spielen Rahmen-Geometrie und die passende Rahmengröße für den Fahrkomfort?

Beides ist sehr wichtig! Grundsätzlich unterscheidet sich die Sitzposition beim Touring-Bike gegenüber dem MTB oder dem Rennrad. Beim Touring-Bike sitzt man „statisch, aufrecht“ und weniger dynamisch. Das liegt an der eher konstanten Geschwindigkeit und der gleichmäßigeren Fahrstrecke. Hinsichtlich der Gesamtgeometrie eines Tourenrads sind drei Punkte ausschlaggebend:

1. Die Sitzrohrlänge ist das klassische Maß zu Bestimmung der Rahmengröße beim Tourenrad.

2. Die Oberrohrlänge: Neben der Sitzrohrlänge ist dies das zweite „klassische“ Maß und muss immer in Kombination mit dem Cockpit (Länge/Steigung des Vorbaus, Biegung und Höhe des Lenkers) betrachtet werden. Die Oberrohrlänge bestimmt maßgeblich die Position des Fahrers während des Pedalierens und sollte beim Touring-Bike eher „kompakt“ sein und nicht „gestreckt“. Sie darf aber auch nicht zur kurz sein, denn dies führt bei Abfahrten zu einem frühen Überschlagsgefühl oder bei Anstiegen zum abheben des Vorderrads.

3. Lenkwinkel, Tretlager, Radstand und Kettenstrebenlänge: All diese Punkte haben wesentlichen Einfluss auf die Fahrdynamik des Touring-Bikes. Ein flacher Lenkwinkel verringert bei Abfahrten wie auch beim Überfahren von Hindernissen das Überschlagsgefühl. Ein im Vergleich zu MTBs tieferes Tretlager senkt den Schwerpunkt des Fahrers ab und führt in Kombination mit einer mittleren Kettenstrebenlänge zu einem guten Geradeauslauf bei gleichzeitig ausgewogenem, sportlich dynamischen Fahrverhalten in schnell durchfahrenen Kurven.

Fazit: Das Ziel ist eine perfekte Integration des Menschen in das Touring-Bike durch eine entspannte Sitzposition mit gebeugten Armen zur Verringerung der Muskelermüdung. So kann man auch längere Touren ohne Beschwerden bewältigen.

Wie finde ich heraus, welche Rahmengröße optimal zu meiner Körpergröße passt?

Grundsätzlich empfehle ich immer die Testfahrt beim Händler. Wir bieten für unser Tourenrad vier Rahmengrößen an und decken einen Körpergrößenbereich von ca. 1.65 cm bis hin zu 1.95 cm ab.

Sitzrohrlänge [mm]

Schrittlänge [mm]

Körpergröße [mm]

min

max

min

max

460

730

850

1.620

1.720

520

770

890

1.700

1.800

550

810

930

1.780

1.880

580

850

970

1.860

1.960

Inwiefern lassen sich ROTWILD Touring-Bikes an meine individuellen Bedürfnisse anpassen?

Vielfältig, da wir bei der Konstruktion des Rahmens darauf geachtet haben, keine „Sondermaße“ zu verwenden. Somit kann der entsprechende Fachhändler auf ein umfangreiches Tourenbike Sortiment von Anbau- und Zubehörteilen zurückgreifen und so die individuellen Bedürfnisse zufriedenstellen. Tipp: Wer ein ruhiges Fahrverhalten bevorzugt, sollte auf kürzere Vorbauten mit etwas breiteren Lenkern zurückgreifen.

Wo liegen die Entwicklungsschwerpunkte beim T1 Touring-Bike?

Unser Ziel bei der Entwicklung eines Touring-Bike Rahmens ist ein leichter, zuverlässiger und steifer Rahmen. Wir gehen davon aus, dass dieser Rahmen eine hohe Kilometerleistungen (~3.000 km/Jahr) bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von ca. 13-17 km/h ertragen muss. Daher ist es wichtig, dass die hochbelasteten Bereiche wie Steuerrohr/Unterrohr oder Tretlager/Kettenstreben für diese Belastungen entsprechend dimensioniert werden. Parallel kommen bei Touring-Bike im Hydroforming hergestellte Röhren zum Einsatz (z.B. Unterrohr). Dieses aufwändige und teure Herstellverfahren ermöglicht eine Kraftfluss-optimierte Gestaltung der unterschiedlichen Röhren insbesondere im Tretlager- wie auch Steuerrohrbereich und trägt somit erheblich zu höheren Lebensdauer des Rahmens bei. Alle weiteren für den Rahmen notwendigen Bauteile wie die Ausfallenden werden im Schmiedeverfahren hergestellt. Dieses gewährleistet eine höhere Bauteilfestigkeit und -sicherheit. In Kombination mit der bewährten und erprobten Al 7005 T6 Legierung entsteht so ein extrem haltbarer, leichter Touring-Bike Rahmen der alle an ihn gestellten Ansprüche erfüllt.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Innovationen und Neuerungen können Tourenbiker in den nächsten Jahren erwarten?

Ich denke, das klassische Touring-Bikes in den nächsten Jahren hauptsächlich von den Entwicklungen die in Zusammenhang mit den E-Tourenbikes gemacht werden profitieren werden. Hier sehe ich neben der vermehrten Integration von Smartphones auch neue und leichtere Komponenten im Bereich des Cockpits wie auch des Antriebs mit einer höheren Effizienz bei gleichzeitig geringerem Wartungs- und Serviceaufwand. Einen echten „Innovationsknaller“ der das klassische Touring-Bike komplett revolutioniert, wird es vermutlich nicht so bald geben. Es geht vielmehr um die stetige Weiterentwicklung von Details beim Rahmen, der Geometrie, der Anbau- und Zubehörteile und der Antriebs- und Bremssysteme.

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