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Bike-Fitting Teil 3: Sportwissenschaftler Pascal Ketterer vom Radlabor München erläutert die optimale Bike-Anpassung

Die Begeisterung für den Radsport und das Ausdauertraining hat Pascal Ketterer zu seiner Berufung gemacht. Kurz nach seinem Studium der Sportwissenschaften übernahm er die Leitung des Radlabors in München, wo er sich auf die Sitzpositionsanalyse und Leistungsdiagnostik spezialisierte. Die Priorität liegt für den leidenschaftlichen Mountainbiker aber auf der richtigen Sitzposition. Warum das so ist, erklärt uns Pascal Ketterer im Interview.

Pascal, Sie leiten das Radlabor München. Wie sind Sie persönlich zu dem komplexen Thema Bike-Fitting und Leistungsdiagnostik gekommen?

In meiner Jugend war ich selbst Mountainbike-Leistungssportler und habe damals die Vorteile einer regelmäßigen Leistungsdiagnostik und Sitzpositionsanalyse persönlich erfahren können. Mich hat diese Thematik so sehr fasziniert, dass ich dann Sportwissenschaften studiert habe, mit dem großen Ziel danach einmal im Radlabor zu arbeiten. Nach meinem Studium war ich erst ein Jahr als Sporttherapeut tätig und habe dann das Angebot bekommen, die Leitung des Radlabors in München zu übernehmen.

 

Was sind die größten Fehler, die Freizeitsportler, ob mehr oder weniger ambitioniert, bei der Einstellung ihres Bikes machen?

Schmerzen zu ignorieren! Es ist einfach ganz wichtig, stets auf seinen Körper zu hören. Eine optimale Sitzposition sollte sich auch nach einigen Stunden auf dem Mountainbike noch komfortabel anfühlen. Wenn die Sitzposition nicht optimal eingestellt ist, dann wird man sich früher oder später unwohl fühlen, was sich in muskulären Verspannungen, Taubheitsgefühlen in Händen, Armen und Beinen äußern kann, bis hin zu starken Schmerzen in den Gelenken und am Rücken. Eine gewisse Faustformel und ein geschulter Blick können durchaus grobe Einstellungsfehler vermeiden, aber spätestens wenn Beschwerden auftreten, sollte ein Profi die Einstellung der Sitzposition korrigieren.

 

Was unterscheidet denn die „Do-it-yourself-Methode“ von der professionellen Sitzpositionsanalyse?

Wir möchten mit verschiedenen Methoden der Vermessung und Berechnungen, durch Videoanalyse mit Winkelmessungen sowie mit Druck- und Kraftanalysen, die gesamte Sitzposition möglichst objektivieren. Wir gehen weg vom Expertentum und hin zu wissenschaftlich belegten Messmethoden und Erkenntnissen, um Fehlbelastungen vorzubeugen. Unsere therapeutische Ausbildung sowie unser spezieller Kraft- und Beweglichkeitstest helfen uns, funktionelle Zusammenhänge besser zu erkennen und dem Sportler dadurch greifbare Trainingstipps zu geben. Wir passen dann die Sitzposition entsprechend unserer gewonnenen Erkenntnisse an, um so eventuell entstehenden Problemen vorzubeugen oder Schmerzen letztendlich zu beseitigen.

 

Wie muss ich mir den Ablauf einer solchen Analyse vorstellen?

Wir machen uns erst einmal ein Bild von dem Sportler und besprechen dessen Ziele, Motivation und eventuelle Beschwerdebilder. Dann geht es vor allem um den Körper des Sportlers. Wir vermessen mit einem Laser die Längenverhältnisse auf den Millimeter genau; ebenso werden die aktuellen Einstellungen des Bikes gescannt. Als nächstes führen wir einen funktionellen Beweglichkeitscheck durch und analysieren mit unseren verschiedenen Messmethoden die aktuelle Sitzposition in der Dynamik, um den Optimierungsbedarf zu erkennen. Die neue Sitzposition stellen wir dann natürlich am Ende gleich vor Ort ein.

 

Welche Parameter sind denn für eine richtige Sitzposition entscheidend?

Für den optimalen Antrieb sind die Höhe und Position des Sattels sowie die Einstellung der Schuhplatten entscheidend. Für die Aerodynamik oder den Sitzkomfort je nach Priorität die Entfernung des Oberkörpers zum Lenker, also die Sitzlänge, und die Höhendifferenz von Sattel zu Lenker, auch Überhöhung genannt. Aber auch die Kontaktstellen, wie Sattel, Radschuhe mit richtigen Einlegesohlen und die Lenkereinstellung selbst, sind neuralgische Punkte. Sämtliche Verstellmöglichkeiten des Rads sind letztendlich für die Gesamtposition von großer Bedeutung.

 

Wie wichtig sind die Schnittstellen zwischen Fahrer und Mountainbike, also Sattel und Radschuhen letztendlich?

Die anatomischen Gegebenheiten des Beckens sind so verschieden, gerade bei Männern und Frauen, dass in der Regel der original verbaute Sattel gar nicht passen kann. Sitzbeschwerden sind somit die häufigsten Probleme bei Radfahrern. Schonhaltung könnte in der Folge weitere Beschwerden auslösen und ist langfristig definitiv ungesund. Die Radschuhe sollten immer mit ergonomischen Einlegesohlen getuned werden, denn oft verwenden die Hersteller zu weiche und dünne Sohlen in ihren Schuhen. Die Passform des Schuhs inklusive der Breite und des Rists und natürlich die Position der Pedalplatten müssen passen, um die Kraft optimal auf das Pedal zu übertragen und taube Füße zu vermeiden.

 

Gibt es denn Unterschiede in der Einstellung der Sitzpositionen für Hobbybiker und für eingefleischte Bergfexe oder auch für kurze und für lange Touren?

Die Sitzhöhe als wichtigste Einstellung ist grundsätzlich immer gleich. Mit der Lenkereinstellung kann zwischen einer komfortableren Sitzposition für längere Touren oder für Bergfahrten und einer eher aerodynamisch aggressiven für kurze Fahrten oder für flache Strecken unterschieden werden.

 

Ist es schon vorgekommen, dass jemand mit einem Mountainbike kommt, das sich absolut nicht optimal auf den Sportler einstellen lässt?

Natürlich kann es passieren, dass man die falsche Rahmenhöhe oder entweder ein zu komfortables oder zu sportliches Bike kauft. Durch verschiedene Anbauteile wie Vorbau, Sattelstütze oder Lenker können verschiedene Veränderungen vorgenommen werden. Deshalb beraten wir unsere Kunde gerne vor einer Neuanschaffung und können im Vorfeld zuverlässig berechnen, welche Rahmenhöhe das Wunschrad haben sollte und ob dessen Rahmengeometrie auch auf die Körpergröße optimal angepasst werden kann.

 

Also macht es durchaus Sinn, bereits vor der Anschaffung eines neuen Mountainbikes in eine Vermessung der Sitzposition zu investieren?

Um dem Risiko eines Fehlkaufs aus dem Weg zu gehen, ist die Beratung eines markenneutralen Spezialisten immer von Vorteil. Wir bestimmen unabhängig von einem Hersteller die passende Rahmengeometrie, die zu den Körpermaßen des Sportlers passt und können im Vorfeld berechnen, ob die optimale Sitzposition auf dem Wunschrad umsetzbar ist. Auf unserem „FitBike“ kann diese Sitzposition bereits getestet werden und somit das geplante Wunschrad quasi probegefahren werden. Das kann schon ein sehr gutes Gefühl für den anstehenden Kauf vermitteln.

 

Kann man sich denn eine optimale Sitzposition auch durch Training selbst erarbeiten?

Durch „Trial and Error“ ist sicherlich einiges möglich, bis zur richtigen Sitzposition kann das allerdings länger dauern. Mit einem guten Körpergefühl ist das eventuell erfolgreich. Wenn die Sitzposition aber anfangs noch nicht optimal passt, dann könnten auf dem Weg dorthin durchaus körperliche Beschwerden und Entzündungen entstehen. Das zu riskieren kann ich keinesfalls empfehlen!

 

 

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